Manche Wege entstehen erst beim Gehen

Ungefähr so könnte die Überschrift über meinem Leben lauten, besonders über den letzten Jahren. Ergänzt vielleicht noch mit dem kleinen Zusatz „ und wohin sie führen, ist unbekannt.“ OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Was es für diese Lebensausrichtung braucht, ist Vertrauen. Und das ist weiß Gott nicht immer da. „Mut ist die Leiter, auf der alle anderen Tugenden hochsteigen“; dieser Satz prangt an meiner Pinnwand und muss immer dann herhalten, wenn die Panik-Pferde mal wieder mit mir durchgehen.

Was auch noch hilft ist, wenn man wie ich keine Kinder hat. Nur für sich selbst verantwortlich zu sein ist gut, wenn man den Arbeits-Karren wieder mal in den Sand gesetzt hat. Willentlich, wohl gemerkt.

Eigentlich hab ich schon ziemlich früh gewusst, dass ich keine Freundin von langfristig gesetzten Zielen bin: mein Medizinstudium hab ich geschmissen. Die Aussicht, nach x Jahren Büffeln, Praktika und Notdiensten erst um eine Niederlassung und dann um genügend Patienten kämpfen zu müssen, war nichts für mich. Ich hab dann bei einem wissenschaftlichen Verlag gejobbt, erst Mal als Empfangsdame und Mädchen für alles, dann in Festanstellung als Anzeigendisponentin. Bei dem Verlag bin ich dann doch 11 Jahre geblieben. Parallel hab ich nebenbei zwei Ausbildungshürden genommen: erst die zur „Bürokauffrau“, dann die zur „Fachkauffrau für Marketing“. Warum? Bei ersterer hörte ich noch auf die entsetzte, innere Stimme meines Vaters „Du kannst doch nicht ganz ohne Ausbildung…?“. Die zweite hat mir einfach Spaß gemacht. So kam dann auch im Verlag die Beförderung zur Anzeigenleiterin. Mann, was war ich stolz!

Bis ich dann das vage Gefühl bekam, dass irgendwie Ende der Fahnenstange war, sowohl beruflich als auch privat. Und so hab ich nach 14 Jahren Berlin die nächste Herausforderung angenommen: einen Umzug nach München mit dem Wechsel in eine Pharma-Mediaagentur. Nicht irgendeine, sondern eine der umsatzstärksten. Warum ich das so betone? Ganz einfach: da hieß es Ärmel hochkrempeln und Ranklotzen auf eine Art, die ich so nicht gewohnt war.

Bis hier hin könnte man wahrlich sagen, dass ich „Karriere gemacht habe“. Ich habe sagenhaft gut verdient und hatte einen wirklich sicheren Arbeitsplatz. Meine Schäfchen im Trockenen. Doch eigentlich war es anders: ich saß auf dem Trockenen. Dass ich in der ganzen Zeit ganz unmerklich ausgeblutet bin, hab ich erst sehr spät gemerkt. Und dann – nach 3 Jahren Psychoanalyse und 5 Wochen in einer psychosomatischen Klinik hab ich gewusst, dass ein radikaler Einschnitt in meinem Leben ansteht: Loslassen ohne zu wissen, wie es weitergeht.

Was hieß das? Für mich bedeutete es, auf eine nie da gewesene Art und Weise und gegen die Unkenrufe aller Freunde und Kollegen auf mein Herz zu hören. Und das sagte „Ich will diese Arbeit nicht mehr.“ Und „Ich ziehe ins Chiemgau.“ Mehr war nicht da. Ich habe Wohnung und Arbeit gekündigt und gebibbert: Ob ich rechtzeitig eine Wohnung im Chiemgau finde, ob ich Freunde haben werde, ob ich Arbeit finden werde und…und…und.

Und es kam alles: 14 Tage vor dem drohenden Umzug unter eine Brücke die neue Wohnung. Nach 10 Tagen im Chiemgau ein neuer Mann. Und immer wieder Jobs, die mir meinen Lebensunterhalt ermöglichten und von denen ich mir auch zwei weitere Ausbildungen im Bereich Psychologie, Coaching und Training leisten konnte. Irgendwie mutet es noch heute wie ein Wunder an, wenn ich zurückblicke und sehe, wie perfekt sich alles in einander gefügt hat: immer genau die richtige Tätigkeit mit zeitlicher Flexibilität (z. B. zwischen den Ausbildungsabschnitten oder als Teilzeittätigkeit) und ausreichend Geld. Das hätte ich beim besten Willen so nicht planen können! Okay, ja, ich hatte einige Ersparnisse, die mittlerweile aufgebraucht sind. Und Reisen in ferne Länder waren einfach nicht drin. Doch all das – Reisen, Sicherheit, Luxus – hatte ich die Jahre vorher gehabt, und es fehlte mir in meinem neuen Leben nicht.

Irgendwie hab ich nach und nach sogar Spaß an diesem Leben als Arbeits-Artist gefunden. Was hab ich nicht alles gemacht? Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt verkauft, in einem Golfshop gejobbt, Schaufester dekoriert, in einer Fullservice-Agentur Visitenkarten und Hotelprospekte an den Mann gebracht, auf dem Bau als Hilfsarbeiter zugepackt, als Schlossführerin auf der Herreninsel Touristen begleitet, für eine Kosmetikfirma auf der Messe einen Stand betreut, PR-Arbeit für einen Antiquitätenhändler gemacht, Spiele und Quize für eine interaktive Fernbedienung kreiert und geputzt hab ich auch. Immer wieder war ich auf’s Neue fasziniert, welche Bandbreite von Tätigkeiten es gibt.

Diese Faszination ist geblieben. Wobei ich heute nicht mehr alles machen würde. Nicht, weil ich mir dafür zu schade bin, sondern, weil ich heute immer schneller weiß, was mir keinen mehr Spaß macht.

Als Resümee würde ich heute sagen: es lohnt sich, mit dem Herzen zu gehen. Herauszufinden, was man wirklich will, wohin einen die eigenen Sehnsüchte und Wünsche ziehen. Und dann abzuchecken, wie und mit welchen Mitteln man diesem Sehnen näher und näher kommt. Diese Wege sind beileibe nicht immer leicht. Die Angst vor der Zukunft, vor der Mittellosigkeit, vor dem Alleinsein klopft immer wieder an. Doch daran kann man wachsen. Der Preis ist – wer hätte das gedacht – Freiheit. Wer der Angst vor der Zukunft ins Auge blicken kann wie einem Tiger, den kann so leicht nichts erschrecken.

Ich versuche, mich selbst und auch die Menschen in meinem Umfeld zu ermutigen, ihren ganz eigenen Weg zu finden. Ich versuche, sie dabei zu unterstützen, dem Leben und ihrem Herzen zu vertrauen. Und das immer mehr durch mein Sein und immer weniger durch mein Tun.

Ja, wirklich, das Leben meint es gut mit uns. Es ist nicht gegen uns, es will, dass wir gelingen. Die Widersacher sitzen nicht außen, sie sitzen innen, in unserem Inneren. Es sind u. a. die verinnerlichten Eltern und Lehrer, die uns immer wieder gesagt haben, „was geht und was nicht“. Der erste Schritt ist es, diese Glaubensätze wahrzunehmen und zu entkräften, zu verlernen was wir gelernt haben. Natürlich nur das, was bremst und schadet.

Bleibt mir noch zu sagen, dass ich selbst auf diesem Weg auch noch immer unterwegs bin. Eine Reisende auf dem Weg zu sich selbst. Und die Reise macht mir immer öfter auch Spaß.